Nicole JunkermanLesen · Reisen · Notizen
Nicole Junkerman, Porträt, kleine Gewohnheiten im Herbst

Notizen

Nicole Junkerman über kleine Gewohnheiten im Herbst

Warum unscheinbare Abläufe in den dunklen Wochen mehr tragen als jeder große Vorsatz.

Der Herbst ist keine gute Zeit für große Vorsätze. Die Tage werden kürzer, die Abende dunkler, und was im Januar nach Aufbruch klingt, klingt im Oktober nach zusätzlicher Arbeit. Nicole Junkerman hält es deshalb mit dem Gegenteil: mit sehr kleinen Gewohnheiten, die kaum auffallen und gerade deshalb halten.

Eine kleine Gewohnheit erkennt man daran, dass sie keinen Entschluss verlangt. Sie kostet wenige Minuten, sie braucht keine Vorbereitung, und sie lässt sich auch an einem schlechten Tag erledigen. Alles, was mehr fordert, fällt in der zweiten Novemberwoche aus, und zwar ziemlich zuverlässig.

Dazu kommt, dass solche Gewohnheiten an etwas hängen sollten, das ohnehin geschieht. Nach dem ersten Kaffee, vor dem Abendessen, beim Anziehen der Jacke. Wer sie an eine feste Stelle des Tages bindet, muss sich nicht an sie erinnern, weil der Tag sie von selbst mitbringt.

Eine Gewohnheit, an die man sich erinnern muss, ist noch keine.

Das ist weniger streng gemeint, als es klingt. Es geht nicht um Disziplin, sondern um die Stelle im Tag. Wer eine Sache an einen festen Punkt hängt, braucht keine Willenskraft mehr dafür, und Willenskraft ist im November ohnehin knapp.

Im Herbst bieten sich ein paar Stellen besonders an. Das Licht ist zwischen dem späten Vormittag und dem frühen Nachmittag am besten, also lohnt sich in dieser Zeit ein kurzer Weg nach draußen. Die Abende sind lang und still, also tragen sie eine halbe Stunde mit einem Buch. Mehr dazu steht unter Lesen.

Auch das Aufschreiben gehört dazu, in der bescheidensten denkbaren Form. Drei Zeilen am Abend über den Tag, ohne Anspruch und ohne Publikum. Nach vier Wochen ergibt das ein Heft, das man in die Hand nehmen kann, und das ist mehr, als die meisten Vorsätze hinterlassen. Was daraus wachsen kann, steht unter Schreiben.

Wichtig ist vor allem, wie man mit den Lücken umgeht. Eine kleine Gewohnheit verträgt es, zweimal auszufallen, solange sie beim dritten Mal wieder stattfindet. Wer dagegen eine Serie zählt, hat sich eine Regel gebaut, und Regeln werden im Herbst gebrochen.

Nicole Junkerman hält außerdem wenig davon, mehrere Dinge gleichzeitig zu beginnen. Eine Gewohnheit pro Jahreszeit ist genug. Zwei funktionieren selten nebeneinander, drei fast nie, und am Ende bleibt von allen dreien nichts übrig.

Hilfreich ist außerdem, die Sache kleiner zu halten, als man könnte. Zehn Minuten statt dreißig, eine Seite statt eines Kapitels, einmal um den Block statt einer Runde durch den Park. Was sich zu leicht anfühlt, wird gemacht, und was gemacht wird, wächst mit der Zeit von selbst.

Der Gewinn zeigt sich spät und dann deutlich. Nach einem Monat ist nichts Sichtbares entstanden, nach einem Winter aber schon. Eine halbe Stunde am Abend, ein kurzer Weg am Mittag und drei Zeilen vor dem Schlafen ergeben über zwölf Wochen eine erstaunliche Summe, ohne dass sich ein einziger Tag anstrengend angefühlt hätte.

Was an grauen Nachmittagen sonst noch hilft, steht in der Notiz über ruhige Herbsttage. Alle weiteren Einträge sammelt der Blog.

Zurück zum Blog